Sparen und gleichzeitig Schulden abbauen: Was wirklich mehr bringt

Ein Zinsvergleichsrechner stellt zwei Prozentsätze nebeneinander und nennt einen Sieger. Er kennt weder die Abgeltungsteuer auf die Anlageseite noch den Rest deines Haushalts über mehrere Jahre. Zwei Haushalte mit demselben monatlichen Spielraum, aber unterschiedlichem Kreditzins, zeigen ein sehr unterschiedliches Bild.

Wer monatlich Geld übrig hat und gleichzeitig einen Kredit, ein finanziertes Möbelstück oder einen alten Dispo abträgt, stellt sich früher oder später dieselbe Frage: Schulden zuerst tilgen oder das Geld anlegen? Ein Zinsvergleichsrechner im Internet beantwortet das mit einem einzigen Vergleich: Kreditzins gegen erwartete Anlagerendite. Diese Rechnung übersieht zwei Dinge, die für das tatsächliche Ergebnis entscheidend sind: die Steuer auf Kapitalerträge, die einen Teil der erwarteten Rendite auffrisst, und den Rest des Haushalts, der über Jahre um diese Entscheidung herum weiterläuft.

Die folgenden Zahlen sind Modellrechnungen mit plausiblen Beispielannahmen zu Kredithöhe, Laufzeit und monatlichem Spielraum. Die Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent (25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag, ohne Kirchensteuer) und der Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr sind reale gesetzliche Werte (Stand 2026). Miravel rechnet mit deinen eigenen Zahlen.

Warum ein einfacher Zinsvergleich nicht reicht

Die verbreitete Faustregel klingt einleuchtend: Liegt der Kreditzins über der erwarteten Anlagerendite, lohnt sich die Tilgung zuerst. Liegt er darunter, lohnt sich das Investieren. Diese Regel vergleicht aber zwei Zahlen, die auf unterschiedlichen Grundlagen stehen. Der Kreditzins ist ein garantierter Wert, jeden Monat fällig, unabhängig davon, was an den Kapitalmärkten passiert. Die Anlagerendite ist erstens eine Annahme und keine Garantie, und zweitens eine Bruttozahl, von der die Abgeltungsteuer noch etwas abzieht, bevor sie im Depot ankommt. Ein Zinsvergleichsrechner, der 9 Prozent Kreditzins gegen 6 Prozent Bruttorendite stellt, suggeriert einen klaren Vorsprung für die Tilgung. Er zeigt aber nicht, wie sich derselbe Vergleich bei einem günstigen Ratenkredit mit 3 Prozent verschiebt, und er zeigt erst recht nicht, was am Ende nach Steuern im Depot oder auf dem Konto übrig bleibt.

Dazu kommt die Zeitachse. Ein Kredit hat eine feste Laufzeit und wird irgendwann getilgt, danach ändert sich der monatliche Spielraum schlagartig, weil die Kreditrate wegfällt. Wer nur den heutigen Zins mit der heutigen Rendite vergleicht, sieht diesen Sprung nicht und plant am eigentlichen Wendepunkt vorbei.

Zwei Haushalte, derselbe Entscheidung, unterschiedlicher Kreditzins

Ben und Melis haben beide einen Ratenkredit mit einer Restschuld von 12.000 Euro und einer ursprünglichen Laufzeit von fünf Jahren, und beide haben 200 Euro im Monat übrig, die sie entweder zusätzlich in die Tilgung stecken oder in einen ETF-Sparplan investieren können. Der einzige Unterschied: Ben zahlt 9 Prozent Zinsen auf einen teuren Konsumentenkredit, Melis 3 Prozent auf einen günstig finanzierten Kredit.

Gleicher Spielraum, unterschiedlicher Kreditzins

Ben · Konsumentenkredit mit 9 Prozent Zinsen — Teurer Kredit, 200 Euro/Mon. zusätzlicher Spielraum, 5 Jahre Horizont
Restschuld zu Beginn12.000 €
Zinsen über den Horizont bei Tilgung zuerstca. 1.440 €
Vermögen nach 5 Jahren bei Tilgung zuerst (Kredit getilgt, danach ETF)ca. 14.570 €
Vermögen nach 5 Jahren bei Investieren statt Tilgung (nach Abgeltungsteuer, Restschuld abgezogen)ca. 14.020 €
In dieser Modellrechnung vornTilgung zuerst
Melis · günstiger Kredit mit 3 Prozent Zinsen — Günstiger Kredit, 200 Euro/Mon. zusätzlicher Spielraum, 5 Jahre Horizont
Restschuld zu Beginn12.000 €
Zinsen über den Horizont bei Tilgung zuerstca. 470 €
Vermögen nach 5 Jahren bei Tilgung zuerst (Kredit getilgt, danach ETF)ca. 13.000 €
Vermögen nach 5 Jahren bei Investieren statt Tilgung (nach Abgeltungsteuer, Restschuld abgezogen)ca. 14.020 €
In dieser Modellrechnung vornInvestieren

Ben: Bei 9 Prozent Kreditzins zeigt die Simulation einen Vorsprung für die Tilgung

Was das Miravel-Modell für Bens Haushalt errechnet: Zahlt Ben die 200 Euro monatlichen Spielraum zusätzlich in die Tilgung, ist der Kredit nach rund zweieinhalb Jahren vollständig abbezahlt, statt nach den ursprünglich geplanten fünf. Ab diesem Zeitpunkt legt er die freigewordene Kreditrate zusammen mit dem weiterhin verfügbaren Spielraum in einen ETF-Sparplan an, mit der auch sonst in diesem Modell verwendeten Planungsannahme von 6 Prozent Bruttorendite pro Jahr. Am Ende des Fünf-Jahres-Horizonts steht ein Vermögen von rund 14.570 Euro, bei nur rund 1.440 Euro insgesamt gezahlten Zinsen.

Investiert Ben die 200 Euro stattdessen von Anfang an in denselben ETF-Sparplan und zahlt den Kredit nur planmäßig ab, ergibt die Simulation nach Abzug der Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent auf die Kapitalerträge oberhalb des Sparerpauschbetrags ein Depot von rund 14.020 Euro netto, während die Kreditrate weiterlief. In dieser Modellrechnung liegt die Tilgung zuerst um rund 550 Euro vorn, weil der garantierte Zinsvorteil von 9 Prozent höher ausfällt als das, was nach Steuern von der 6-Prozent-Anlagerendite übrig bleibt.

Melis: Bei 3 Prozent Kreditzins dreht sich das Bild

Melis hat dieselbe Restschuld, denselben monatlichen Spielraum und denselben Fünf-Jahres-Horizont wie Ben. Der einzige Unterschied ist der Kreditzins von 3 statt 9 Prozent, und dieser eine Unterschied dreht das Ergebnis um.

  • Tilgung zuerst: Der Kredit ist bei 3 Prozent Zinsen etwas langsamer getilgt als bei Ben, nach rund zweieinhalb Jahren, bei insgesamt nur rund 470 Euro gezahlten Zinsen. Vermögen am Ende des Horizonts nach Umschichtung in den ETF-Sparplan: rund 13.000 Euro.
  • Investieren statt Tilgung: Bei gleicher 6-Prozent-Planungsannahme und identischer Abgeltungsteuer ergibt sich dasselbe Netto-Depot wie bei Ben, rund 14.020 Euro, abzüglich der zu diesem Zeitpunkt bereits regulär getilgten Restschuld.
  • In dieser Modellrechnung liegt Investieren bei Melis um rund 1.020 Euro vorn, weil der garantierte Zinsvorteil von nur 3 Prozent niedriger ausfällt als die nach Steuern verbleibende Anlagerendite.

Der einzige Unterschied zwischen Ben und Melis ist der Kreditzins. Bei 9 Prozent zeigt die Simulation einen Vorsprung für die Tilgung, bei 3 Prozent einen Vorsprung fürs Investieren, bei einem Kreditzins nahe der 6-Prozent-Planungsannahme selbst liegen beide Wege in dieser Modellrechnung fast gleichauf. Das ist keine Meinung, sondern der Punkt, an dem sich der garantierte Zinssatz und die nach Abgeltungsteuer verbleibende Rendite ungefähr die Waage halten.

Was diese Rechnung wirklich zeigt

26,375 % — Abgeltungsteuer inklusive Solidaritätszuschlag auf Kapitalerträge oberhalb des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro pro Person und Jahr (2.000 Euro für zusammen veranlagte Paare). Dieser Abzug wirkt nur auf der Anlageseite, nie auf der Kreditseite, und ist der Grund, warum ein Bruttovergleich von Kreditzins und Anlagerendite fast immer die Tilgung optimistischer aussehen lässt, als sie nach Steuern tatsächlich ist.

Ein reiner Zinsvergleichsrechner kennt weder Bens noch Melis' tatsächlichen Kreditzins im Voraus, sondern fragt danach, und er kennt die Abgeltungsteuer meist gar nicht. Wer beide Zahlen von Hand nachrechnet, kommt oft zum richtigen Ergebnis für einen einzelnen Zeitpunkt, aber nicht für den Wendepunkt, an dem der Kredit getilgt ist und sich der monatliche Spielraum plötzlich vergrößert. Genau an dieser Stelle unterscheiden sich Ben und Melis in der Simulation zusätzlich: Bei wem der Kredit früher tilgt, dessen freigewordene Kreditrate beginnt früher zu arbeiten, was den Unterschied zwischen den beiden Strategien über die Jahre hinweg verstärkt oder abschwächt, je nachdem, welche Seite ohnehin schon vorn lag.

Was sich an dieser Rechnung wirklich verändern lässt

Die Antwort hängt bei dieser Entscheidung stärker als bei den meisten anderen vom eigenen Kreditzins ab, aber es gibt weitere Stellschrauben, die sich nur im Zusammenspiel sehen lassen:

  • Den tatsächlichen Effektivzins des eigenen Kredits genau nachschauen, nicht schätzen, denn schon zwei oder drei Prozentpunkte Unterschied können das Ergebnis umdrehen
  • Prüfen, ob überhaupt schon ein Notgroschen für unerwartete Ausgaben besteht, bevor der monatliche Spielraum in eine der beiden Richtungen gebunden wird
  • Die Abgeltungsteuer und den Sparerpauschbetrag in die eigene Rechnung einbeziehen, statt Kreditzins und Bruttorendite unmittelbar zu vergleichen
  • Den Zeitpunkt der vollständigen Tilgung einplanen, weil sich der monatliche Spielraum ab diesem Moment deutlich vergrößert
  • Bei mehreren Krediten mit unterschiedlichen Zinssätzen zuerst den teuersten ins Verhältnis zur eigenen Anlagerendite setzen, nicht den mit der höchsten Restschuld

Welche dieser Stellschrauben den Ausschlag gibt, hängt vom eigenen Kreditzins, vom vorhandenen Puffer und vom restlichen Haushalt über die Jahre ab. Das lässt sich nicht in einem einzelnen Zinsvergleichsrechner nachschlagen, es braucht eine Rechnung, die Kredittilgung, Anlagerendite, Abgeltungsteuer und den Rest des Haushalts gemeinsam über Jahre abbildet.

Warum das Gesamtbild hier den Unterschied macht

Miravel vergleicht nicht zwei isolierte Prozentsätze. Es simuliert deinen gesamten Haushalt über Jahre: Kredittilgung, ETF-Sparplan, Abgeltungsteuer auf die Kapitalerträge, Einkommen und Haushaltspuffer, alles zusammen, an jedem Punkt der Zeitachse. Gerade bei der Frage Tilgung oder Investieren ist das kein Komfort, sondern der einzige Weg, den tatsächlichen Wendepunkt zu sehen, statt ihn mit einer Faustregel zu schätzen.

Die Daten bleiben dabei in deinem Browser. Miravel sagt dir nicht, ob du tilgen oder investieren sollst. Es zeigt dir, was bei deinem eigenen Kreditzins und deinem eigenen Spielraum über die nächsten Jahre passiert.

Diese Entscheidung ist am Ende kein reiner Zinsvergleich, sondern eine Frage des finanziellen Wohlbefindens: welcher Weg sich über die Jahre stimmiger anfühlt, wenn Kredittilgung, ETF-Sparplan und der Rest deines Haushalts zusammen betrachtet werden.

Häufig gestellte Fragen

Ab welchem Kreditzins lohnt sich Tilgung eher als Investieren?
Es gibt keinen festen Schwellenwert, der für jeden Haushalt gilt, weil die nach Abgeltungsteuer verbleibende Anlagerendite von der gewählten Anlage, dem Sparerpauschbetrag und der Anlagedauer abhängt. Als grobe Orientierung: Liegt der Kreditzins deutlich über der erwarteten Bruttorendite der Anlage, spricht das für Tilgung zuerst, weil die Steuer die Anlagerendite zusätzlich schmälert. Liegt er deutlich darunter, spricht das für Investieren. Im Bereich dazwischen, wenn beide Werte nahe beieinander liegen, hängt die Antwort stark von individuellen Annahmen ab und sollte durchgerechnet, nicht geschätzt werden.
Warum wird die Abgeltungsteuer bei einem einfachen Zinsvergleich oft übersehen?
Weil Kreditzins und Anlagerendite auf den ersten Blick wie vergleichbare Prozentsätze aussehen. Der Kreditzins ist aber bereits die tatsächliche Kostenbelastung, während die Anlagerendite eine Bruttozahl ist, von der noch 26,375 Prozent Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag auf den Teil oberhalb des Sparerpauschbetrags von 1.000 Euro pro Person und Jahr abgehen. Wer beide Zahlen unverändert nebeneinanderstellt, vergleicht in Wahrheit einen Netto- mit einem Bruttowert.
Sollte ich zuerst einen Notgroschen aufbauen, bevor ich zusätzlich tilge oder investiere?
Das ist eine sinnvolle Reihenfolge für die meisten Haushalte, weil ohne Rücklage ein unerwarteter Ausgabenschub sonst wieder über einen neuen, oft teureren Kredit finanziert werden müsste. Wie groß dieser Notgroschen sein sollte, hängt von der eigenen Einkommenssicherheit und den laufenden Fixkosten ab und lässt sich nicht pauschal beziffern.
Was passiert, wenn ich mehrere Kredite mit unterschiedlichen Zinssätzen habe?
In diesem Fall lohnt es sich in der Regel, den zusätzlichen Spielraum zuerst auf den Kredit mit dem höchsten Zinssatz zu richten, unabhängig von dessen Restschuld, weil dort jeder zusätzlich getilgte Euro die größte garantierte Ersparnis bringt. Erst wenn der teuerste Kredit abbezahlt ist, verschiebt sich die Frage zum nächstgünstigeren Kredit oder zum Investieren.
Ändert sich die Antwort, wenn sich der Kreditzins während der Laufzeit ändern kann?
Ja. Ein variabler Zinssatz oder ein auslaufender Zinsbindungszeitraum bedeutet, dass der heute geltende Kreditzins nicht für den gesamten Betrachtungszeitraum garantiert ist. Ein Vergleich, der nur mit dem aktuellen Zins rechnet, kann sich über mehrere Jahre als zu optimistisch oder zu pessimistisch für die Tilgungsseite erweisen. Wer eine Zinsänderung erwartet oder ihre Möglichkeit kennt, sollte sie in die eigene Rechnung einbeziehen, statt von einem dauerhaft gleichbleibenden Zins auszugehen.

Miravel simuliert Kredittilgung, ETF-Sparplan und Abgeltungsteuer gemeinsam mit dem Rest deines Haushalts über Jahre, nicht nur zwei Prozentsätze isoliert. Jetzt kostenlos starten.