Rentenlücke: Dieselbe Frage, sehr verschiedene Antworten
Wie groß ist deine Rentenlücke? Die Antwort hängt davon ab, wie lange du in Deutschland gearbeitet hast, ob du Beitragslücken hattest, und ob du früher aufhören möchtest. Zwei Fälle mit konkreten Modellzahlen.
Die jährliche Renteninformation ist ein Brief mit einer Zahl. Die meisten legen ihn weg. Zu abstrakt, zu viele Annahmen, zu weit weg. Dabei beantwortet diese Zahl eine der wichtigsten finanziellen Fragen, die du über dich selbst stellen kannst. Das Problem: Die Zahl ist für die meisten Menschen falsch eingeordnet, weil sie nicht zeigt, was wirklich ankommt.
Die folgenden Zahlen sind Modellrechnungen. Deine Rentenlücke hängt von deinem konkreten Einkommensverlauf, deiner Beitragshistorie und deinen Rentenzielen ab. Miravel berechnet sie auf Basis deiner eigenen Daten.
Dieselbe Lücke. Zwei sehr verschiedene Situationen.
Die Rentenlücke ist keine Zahl, die für alle gleich ist. Sie hängt davon ab, wie lange du in Deutschland Beiträge gezahlt hast, ob du Lücken hattest, und wann du aufhören möchtest. Zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Antwort ausfällt.
Olena, 38. Vier Jahre in Deutschland. Zehn Jahre Arbeit in der Ukraine.
Olena ist 38, verdient 38.000 Euro brutto im Jahr und lebt seit vier Jahren in Deutschland. Davor hat sie zehn Jahre in der Ukraine gearbeitet und Beiträge in die ukrainische Rentenversicherung gezahlt. Sie fragt sich: Zählen diese Jahre auch für Deutschland?
Die Antwort ist nein. Zwischen Deutschland und der Ukraine gibt es kein in Kraft getretenes Sozialversicherungsabkommen (Stand 2026). Die ukrainischen Beitragsjahre werden für die deutsche Wartezeit nicht angerechnet. Olena startet rentenrechtlich von null.
- Deutsche Beitragsjahre bis 67: 33 Jahre (4 bisher, 29 weitere bis Regelalter)
- Entgeltpunkte pro Jahr bei 38.000 Euro brutto: ca. 0,73 Punkte (38.000 ÷ Durchschnittsverdienst 51.944 Euro, 2026)
- Gesammelte Entgeltpunkte nach 33 Jahren: ca. 24 Punkte
- Bruttorente monatlich: 24 × 42,52 Euro (Rentenwert ab Juli 2026) = ca. 1.020 Euro
- Nach Abzug von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen (ca. 12,5%): ca. 893 Euro netto
- Letztes Nettoeinkommen bei 38.000 Euro brutto: ca. 2.150 Euro
- Monatliche Lücke: ca. 1.255 Euro
Olenas Lücke ist nicht nur groß, sie ist strukturell. Sie lässt sich nicht durch höheres Einkommen in den verbleibenden Jahren vollständig schließen, weil die Beitragszeit einfach kürzer ist. Das ist für viele Zugewanderte die eigentliche Überraschung.
Martin, 47. Zwanzig Beitragsjahre. Fünf Jahre selbstständig ohne Beiträge. Rentenwunsch: so früh wie möglich.
Martin ist 47, verdient 55.000 Euro brutto und hat bisher 20 Jahre Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Dazwischen lagen fünf Jahre Selbstständigkeit ohne Beiträge. Er möchte so früh wie möglich aufhören zu arbeiten.
Frühester möglicher Renteneintritt: 63. Dafür braucht er mindestens 35 Beitragsjahre (Wartezeit für Altersrente für langjährig Versicherte). Wenn er bis 63 arbeitet, hat er 36 Jahre, genug. Früher als 63 geht nicht: die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte (45 Beitragsjahre) beginnt für seinen Jahrgang erst mit 65.
- Beitragsjahre bis 63: 36 (20 jetzt + 16 weitere)
- Entgeltpunkte pro Jahr bei 55.000 Euro brutto: ca. 1,06 Punkte (55.000 ÷ 51.944)
- Entgeltpunkte nach 36 Jahren: ca. 38 Punkte
- Abschlag für 4 Jahre früheren Renteneintritt (63 statt 67): 4 × 12 × 0,3% = 14,4%
- Bruttorente mit Abschlag (ab 63): 38,1 × 42,52 × 0,856 = ca. 1.387 Euro
- Nettorente nach Kranken- und Pflegeversicherung (ca. 12,5%): ca. 1.214 Euro. Lücke zum letzten Netto von ca. 3.000 Euro: ca. 1.786 Euro
- Wenn er stattdessen bis 67 arbeitet: 40 Beitragsjahre, ca. 42,4 Punkte, Bruttorente ca. 1.801 Euro, Nettorente ca. 1.576 Euro. Lücke: ca. 1.424 Euro
- Dauerhafter Unterschied zwischen Renteneintritt mit 63 und 67: ca. 362 Euro weniger pro Monat
Der Abschlag ist permanent. Er gilt nicht nur, bis Martin 67 ist, er gilt für den Rest seines Lebens. Bei 20 Jahren Rentenbezug macht das rund 87.000 Euro Unterschied.
Gleiche Frage, sehr verschiedene Antworten
| Bruttoverdienst | 38.000 €/Jahr |
|---|---|
| Deutsche Beitragsjahre bis 67 | 33 Jahre |
| Nettorente mit 67 | ca. 893 €/Mon. |
| Monatliche Lücke | ca. 1.255 € |
| Bruttoverdienst | 55.000 €/Jahr |
|---|---|
| Nettorente mit 63 (14,4% Abschlag) | ca. 1.214 €/Mon. |
| Nettorente mit 67 (ohne Abschlag) | ca. 1.576 €/Mon. |
| Dauerhafter Unterschied | ca. 362 €/Mon. |
362 €/Monat — Dauerhafter Unterschied zwischen Renteneintritt mit 63 und 67 für Martin. Die Kürzung von 14,4 Prozent gilt nicht nur bis zum Regelalter. Sie gilt für den Rest des Rentenbezugs.
Was ein Entgeltpunkt ist, in einem Satz
Du sammelst einen Entgeltpunkt pro Jahr, wenn du genau den Durchschnittsverdienst aller Versicherten verdient hast (2026: 51.944 Euro brutto). Verdienst du die Hälfte, bekommst du 0,5 Punkte. Mehr Punkte gehen nur bis zur Beitragsbemessungsgrenze (2026: 101.400 Euro brutto im Jahr): Wer das verdient oder mehr, sammelt das Maximum von ca. 1,95 Punkten pro Jahr. Jeder Punkt ist ab Juli 2026 ca. 42,52 Euro monatliche Rente wert.
Warum 48 Prozent selten auf dich zutreffen
Die 48% sind ein politischer Zielwert, kein persönliches Versprechen. Er gilt für jemanden mit 45 Beitragsjahren und genau dem Durchschnittsverdienst: keine Elternzeit, keine Teilzeit, keine Lücken, keine Auslandszeiten. Diese Person gibt es selten. Für alle anderen liegt die tatsächliche Ersatzquote darunter. Die 48%-Garantie gilt gesetzlich bis 2031.
Was ein frühzeitiger Renteneintritt dauerhaft kostet
Der Abschlag von 0,3% pro Monat vor dem Regelalter klingt klein. Zusammengerechnet: 1 Jahr früher = 3,6%, 2 Jahre früher = 7,2%, 4 Jahre früher = 14,4% (das Maximum bei der Altersrente für langjährig Versicherte, die frühestens mit 63 beginnt). Diese Kürzung gilt für den Rest des Rentenbezugs, nicht nur bis zum Regelalter. Hinzu kommen die fehlenden Rentenpunkte der nicht geleisteten Beitragsjahre. Früherer Renteneintritt trifft also doppelt.
Warum reicht die jährliche Renteninformation nicht?
Die Renteninformation zeigt drei Hochrechnungen: bei heutigem Verlauf, bei angenommenem Einkommenswachstum, und bei früherem Eintritt. Sie zeigt Brutto, nicht Netto. Sie geht von deinem bisherigen Verlauf aus, nicht davon, ob du künftig Teilzeit arbeitest, Elternzeit nimmst oder Lücken hast. Und sie zeigt keine Lücke, nur eine Zahl.
Was in diesen Zahlen noch nicht drinsteckt
- Inflation: Was 1.000 Euro heute kaufen kann, kauft in 25 Jahren deutlich weniger. Die Rente wird regelmäßig angepasst, aber nicht inflationsindexiert.
- Steuern: Ab einer bestimmten Rentenhöhe fällt Einkommensteuer an. Der steuerpflichtige Anteil steigt mit dem Geburtsjahr.
- Kranken- und Pflegeversicherung: Gesetzlich Versicherte zahlen als Rentnerin oder Rentner ca. 7,3% Krankenversicherung plus halben Zusatzbeitrag (ca. 1,45%) und ca. 3,6% Pflegeversicherung, zusammen grob 12,4%.
- EU-Auslandszeiten: Wer in einem anderen EU-Land gearbeitet hat, kann diese Zeiten anrechnen lassen, aber nur auf Antrag.
- Grundsicherung im Alter: Menschen mit sehr niedriger Rente haben Anspruch auf Grundsicherung im Alter nach SGB XII, ein eigenes Programm für Rentnerinnen und Rentner, kein Bürgergeld.
Die Rentenlücke zu kennen, ist der erste Schritt zu finanzieller Stabilität im Ruhestand: erst wenn du siehst, wie groß die Lücke wirklich ist, lässt sich entscheiden, wie viel zusätzliches Sparen, längeres Arbeiten oder ein anderer Hebel tatsächlich bringt.
Häufig gestellte Fragen
- Ich bin aus dem Ausland nach Deutschland gezogen. Zählen meine früheren Arbeitsjahre?
- Das hängt davon ab, ob zwischen Deutschland und deinem Herkunftsland ein Sozialversicherungsabkommen besteht. Für EU-Länder gilt die EU-Koordinierung. Für viele Nicht-EU-Länder gibt es bilaterale Abkommen. Für die Ukraine gibt es keines, das in Kraft ist (Stand 2026). Im Zweifel: Deutsche Rentenversicherung anfragen.
- Ich war mehrere Jahre selbstständig und habe keine Beiträge eingezahlt. Was passiert mit diesen Jahren?
- Sie zählen nicht als Beitragsjahre und bringen keine Entgeltpunkte. Sie zählen auch nicht zur Wartezeit. Wenn du die nötigen Wartezeiten trotzdem erfüllen möchtest, kannst du für bestimmte vergangene Zeiten freiwillige Beiträge nachzahlen.
- Kann ich freiwillig Beiträge in die gesetzliche Rente einzahlen?
- Ja. Freiwillige Beiträge sind für Deutsche im Ausland, Selbstständige ohne Versicherungspflicht und andere möglich. Sie erhöhen die Entgeltpunkte und können helfen, Wartezeiten zu erfüllen. Die Nachzahlung für vergangene Jahre ist unter bestimmten Voraussetzungen möglich.
- Wie berechnet sich der Abschlag bei frühzeitigem Renteneintritt genau?
- 0,3% pro Monat vor dem regulären Rentenalter. Bei 4 Jahren früher Rente (mit 63 statt 67): 4 × 12 × 0,3% = 14,4%. Das ist der maximale Abschlag bei der Altersrente für langjährig Versicherte. Er ist permanent und gilt für den gesamten Rentenbezugszeitraum.
- Meine Renteninformation zeigt eine andere Zahl als hier. Woran liegt das?
- Die Renteninformation rechnet mit deiner bisherigen Beitragshistorie und projiziert sie in die Zukunft. Die Modellzahlen hier sind Durchschnittsbeispiele für andere Personen. Deine tatsächlichen Entgeltpunkte stehen in deiner Renteninformation: teile sie durch 42,52, um deine ungefähre monatliche Bruttorente bei heutigem Rentenwert zu berechnen.
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